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12. Dezember 2014

Die letzten Tage des Nationalsozialismus in Stormarn

(v. l.) Fritz und Birgit Gentzsch (VVN), Kena Ingwersen und Winfried Kümpel-Jürgenowski (mit dem Bild des Getreidespeichers der Ahrensburger Familie Lehmann) berichteten über die Zeiten des Nationalsozialismus in Stormarn

Bargteheide -Ein gespentischer Zug durchquerte Bargteheide vor 69 Jahren. Eskortiert und bewacht von schwer bewaffneter SS und einer Hundestaffel schleppten sich gut 200 ausgehungerte Menschen durch die Stadt. Es waren ausgemergelte Häftlinge aus dem Konzentraionslager Neuengamme, die weiter nach Norden getrieben wurden.

Die Todesmärsche aus den KZs markieren das Schlusskapitel in der Herrschaft der Nationalsozialisten. Es muss geradezu grotesk ausgesehen haben, so schilderte es Historiker Henning Fischer jetzt im Bargteheider Ganztagszentrum: “Denn die marschierenden Häftlinge wurden begleitet vom Lagerorchester, das während des Marsches musizieren musste.”

Das dürfte auch den Anwohnern kaum entgangen sein. Das später so gern geäußerte “wir haben nichts davon gewusst” zeuge eher von Verdrängung als von Erinnerung, so Fischer. In Bargteheide gewährte der Ortsbauernführer den Häftlingen und ihren Bewacher/innen für eine Nacht Quartier auf dem Heuboden seines Kuhstalls. Freiwillig geschah das freilich nicht. “Dazu musste er zuvor genötigt werden”, so Fischer.

Manche halfen den Marschierenden und steckten ihnen Lebensmittel zu. Doch die Angst vor der Diktatur schreckte auch viele davon ab, noch wenige Tage vor dem endgültigen Zusammenbruch des Regimes. Die Häftlinge berichteten aus Bargteheide, dass Passanten ihnen dort zuriefen, “Adolf Hitler ist tot”. Sie wurden bereits in Hamburg-Rahlstedt aus den Zügen getrieben, weil alliierte Luftangriffe die Bahnlinie nach Lübeck  bei Ahrensburg lahmgelegt hatten.

Fischer beruft sich auf Aufzeichnungen von Überlebenden aus Neuengamme, die den Marsch überstanden. Am 1. und 2. Mai 1945 führte er durch Bargteheide nach Norden.Bei Reinfeld lösten sich die Kolonnen auf. Die SS-Wärter setzten sich nach und nach ab und desertierten, denn auf den Hauptstraßen Stormarns näherten sich schon die britischen Panzerkolonnen von Süden her. Am 2. Mai 1945 erreichten sie Bargteheide.

Neun Augenzeugenberichte vom dem Todesmarsch hat Fischer ausgewertet. Sie finden sich im  Archiv der Gedenkstätte für das KZ Neuengamme.  Nach bisherigem Forschungsstand zogen etwa 200 bis 250 Häftlinge so und wohl kaum unbemerkt durch Stormarn.

Das Ehepaar Rath

Das Ehepaar Rath

In Ahrensburg sind viele Dokumente aus dem „Tausendjährigen Reich“ nach 1968 verschwunden. „In den Sechzigerjahren wurde im Stadtarchiv kräftig aufgeräumt, viele Dokumente und Sitzungsprotokolle sind seitdem verschwunden“, sagte Winfried Kümpel-Jurgenowski. So seien in dieser Zeit auch die Akten des Gemeinderats aus den Jahren 1933 bis 1945 komplett entsorgt worden.
Der Standort des ehemaligen Ambulatoriums von Dr. Rath in der Waldstraße erinnert an dessen jüdische Frau Veronika, die aus Angst vor weiterer Verfolgung ihrer Familie 1938 Selbstmord beging. Denunziant war pikanterweise ein damaliger Landgerichtsdirektor.

Ein Stolperstein an der Hagener Allee erinnert an Anneliese Oelte. Sie fiel als leicht Behindertenach einer Kinderlähmung dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer. Als  so genanntes “lebensunwertes Leben” wurde sie  in einem Wiener Kinderheim dem Hungertod ausgeliefert.

“Wir haben inzwischen zwei weitere jüdische Opfer des Holokaust aus Ahrensburg gefunden”, sagt Winfried Kümpel-Jürgenowski vom runden Tisch. Auch Edgar und Mali Levi wurden aus Ahrensburg 1941 nach Polen deportiert. Sie wurden im Herbst des gleichen Jahres in Lodz umgebracht.

Die meisten Ahrensburger Juden konnten rechtzeitig flüchten, bevor das Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten begann. Magnus Lehmann schaffte es nicht. Er wurde 1941 deportiert und in Minsk ermordet. Seinen Job als Ingenieur verlor er 1933, weil er Jude war. Seine Familie hatte in Ahrensburg einen Getreidehandel. Dort fand er Arbeit.

Während der Verstaltung erinnerte Kena  Ingwersen auch an den Bargteheider Ernst August Bastian, der im Konzentrationslager Fuhlsbüttel am Januar 1945 ermordet wurde.  Der Landarbeiter und KPD-Anhänger wurde für die als Rüstung verpflichtet und 1941 noch als Dreher ausgebildet. In den Ahrenburger Walter-Werken baute er Torpedos. “Kollegen” denunzierten ihn als Verräter, weil er nicht mehr an den Endsieg und als Kommunist an Adolf Hitler schon gar nicht glaubte. Bastian kam als “Wehrkraftzersetzer” ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Hier starb er an Unterernährung am 22. Januar 1945.

An ihn erinnert ein Stolperstein in der Straße Am Bargfeld. Inzwischen möchte eine Initiative mit einem Denkmal  auch an den Todesmarsch durch Stormarn erinnern.

Das Ambulatorium von Dr. Rath

Das Ambulatorium von Dr. Rath