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11. April 2009

Rede zum Ostermarsch in Wedel 2009

Liebe Freundinnen, liebe Freunde, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürgerinnen und Bürger!

Diese so schön an der Elbe gelegene Stadt, in der wir uns befinden, schmückt sich mit dem Standbild eines Kaisers, der Rolandssäule. Die Forschung sagt, das ist ein mittelalterliches Rechtswahrzeichen, es symbolisiert den Königsfrieden. Recht, Rechtlichkeit und Frieden bildeten einen engen Zusammenhang. Dafür, daß dieser Zusammenhang auch in der Gegenwart erhalten bleibt, stehen wir heute hier. Unser Ostermarsch, diese gute Sache, will ein ebensolches Wahrzeichen sein. Ein modernes, aber ebenfalls für Recht und Frieden.
Aus dieser Stadt sind zwei Künstler hervorgegangen, die den Friedensgedanken am höchsten stellten. Der eine, Ernst Barlach, bewies als Bildhauer und Dichter doppeltes Künstlertum. Unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs wurde er zum Schöpfer großer Friedensdenkmäler. Sie setzte er den zahllosen Kriegsdenkmälern im Lande entgegen. 1933 installierten die herrschenden Kreise der Banken und der Industrie eine barbarische deutsche Obrigkeit. Sie gaben dieser den Auftrag mit auf den Weg, baldmöglichst den 2. Weltkrieg herbeizuführen. Diese Obrigkeit verfolgte alles, was an Frieden erinnerte. Ernst Barlach war fünf Jahre ihren Verfolgungen ausgesetzt, bis er 1938 in Rostock verstarb. Carl von Ossietzky war ein Zeitgenosse Barlachs und wie dieser dem Friedensgedanken verpflichtet. Das Regime sperrte ihn fünf Jahre ins Konzentrationslager. Erst als Todkranken entließ es ihn. Er verstarb bald darauf, auch 1938.
Der zweite Künstler, auf den Wedel stolz sein kann, lebte 300 Jahre vor Barlach und Ossietzky: Johann Rist, damals der hiesige Pfarrer. Nach dem Dreißigjährigen Krieg dichtete er sein Schauspiel: „Das Friedewünschende Teutschland“. Dem ließ er wenig später noch sein Stück „Das Friedejauchzende Teutschland“ folgen.
Wir stehen in der Gegenwart dahinter zurück, sind nicht im Stadium des Friedejauchzenden Teutschlands. Wohl beim Friedewünschenden. Mit aller Energie unserer Köpfe und Herzen. Woran liegt es denn, daß wir den Frieden nicht haben? Daß das Friedejauchzende Teutschland wieder einmal in die Zukunft verschoben ist?
In diesem Deutschland sind die Menschen sehr zu Recht entsetzt, wenn ein Amokläufer 15 Menschen in den Tod reißt.
Begehren sie ebenso auf, wenn die Industrie Computerspiele herstellt, die Jugendlichen die Lust zu killen einimpft?
Wenn das Fernsehen, auch das öffentlich-rechtliche Tag für Tag, am Wochenende bis zu dreißig Mord- und Totschlagfilme serviert?
Wenn die Waffenindustrie die Tötungsinstrumente produziert, die ein bürgerlicher Familienvater samt Munition – viele hundert Schuß – in seinem Heim aufbewahrt?
Wenn die deutsche Waffenindustrie Waffen zum Export in Hülle und Fülle produziert?
Deutschland zur Spitzengruppe der Waffenexporteure zählt?
Wenn deutsche Waffen dazu dienen, in fremden Ländern Krieg zu führen, und ist Krieg etwas anderes als ein kollektiver Amoklauf?
Deutschland selber führte und führt gegenwärtig Krieg. Ist ein Land im Krieg. Vor zehn Jahren um diese Jahreszeit fiel die NATO in einem Angriffskrieg mit tausendfacher Übermacht über ein neutrales Land her, ein Vorbild der nichtpaktgebundenen Länder, die Bundesrepublik Jugoslawien. Deutschland nahm Teil daran. Es war eines der welthistorisch größten Verbrechen neuerer Zeit. Einer der Großkopfeten unserer Tage ist ein Mann, dem zu seiner Montur nur noch die wilhelminische Pickelhaube fehlt. Der will Deutschland heute am Hindukusch verteidigen. Zum Ausgleich könnten die Afghanen und Pakistani sagen: Ab morgen verteidigen sie ihre Länder am Rhein, oder am Siebengebirge. Struck und sein Nachfolger Jung sollen doch lieber ehrlich sagen, die Weltmacht Deutschland muß ihre Knobelbecher auf jedem Kontinent abstellen. Wegen der Ressourcen dort und wegen der Überwachung der Handelswege. In den militärpolitischen Richtlinien verraten die Herren das.
Und die NATO? Und ihre beflissenen Handlanger? Sie feiern den 60. Jahrestag der Gründung. Wir sagen, da gibt es nichts zu feiern. Sie sollen ihren Laden gefälligst dichtmachen. Darin werden doch nur Aktionen ausgeheckt, die dem Frieden auf Erden und allen Völkern schaden.
Die Bundeswehr dient laut Grundgesetz einem einzigen Zweck. Der Verteidigung. Daran gemessen, brechen viele Politikerinnen und Politiker der Bundesrepublik die Verfassung. Unsere Forderungen sind daher:
Rückkehr Deutschlands zu den Bestimmungen der Verfassung!
Rückbau der Bundeswehr zur reinen Verteidigungsarmee!
Keine Bundeswehreinsätze „out of area“!
Keine Bundeswehreinsätze im Innern!
Vielleicht gibt es einen Silberstreif am Horizont? Könnte der neue Präsident der Vereinigten Staaten den Plan seines Vorgängers begraben? Die Stationierung von Raketen und zugehöriger Geräte in Polen und Tschechien unterlassen?
Noch etwas sollte auf jeden Fall unterlassen werden: die EU in einen hochgerüsteten, waffenstarrenden Kontinent zu verwandeln. Eine betonierte Festung aus Europa zu machen. Darum: auf keinen Fall den Vertrag von Lissabon akzeptieren. Europas Bevölkerung muß ein zweites Mal auf die Iren hoffen. Sie werden zum zweiten Mal an die Urnen geholt, damit herauskommt, was die Herren (und Damen) der Kriege wollen. Seit Neuestem können wir auch auf die Tschechen hoffen. Wir brauchen ein Friedewünschendes, ein Friedeschaffendes, endlich ein Friedejauchzendes Europa. Kein Europa der Rüstungskonzerne, der Kriegswilligen, der Kriegführenden, sondern ein Europa der friedenswilligen Bevölkerungen, ein Europa der Menschlichkeit.
Wir wissen, wir haben die große humanistische Tradition auf unserer Seite. Von der Renaissance und Reformation bis zur Arbeiter- und Friedensbewegung neuerer Jahrhunderte. Wir erinnern uns:
Dante, forderte um 1300: „pax universalis“, den universalen Frieden.
Martin Luther, schärfte 1530 ein: „Der weltliche Friede ist das größte Gut auf Erden.“
Zum Zeitpunkt des Westfälischen Friedens (1648) hieß es: „pax optima rerum“, der Friede ist das Höchste von allem.
Kant, entwickelte 1795 sein umfassendes Friedensprogramm: „Zum ewigen Frieden“.  
Bertha von Suttner, rief 1889 den Völkern zu: „Die Waffen nieder!“
Clara Zetkin, rief im 1. Weltkrieg zum Kampf gegen den Krieg auf: „Krieg dem Kriege!“
Dasselbe ist es, wofür wir hier und heute demonstrieren: Krieg dem Kriege! Die Waffen nieder! Auch wir setzen ein Wahrzeichen. Ein aktuelles: für Humanität, für Völkerrecht und Völkerfrieden. Pax universalis! Pace! Peace in our time and in eternity!