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8. März 2022

Kolumne zum Weltfrauentag: Reflektion zu moderner Außenpolitik

Heute ist der 8. März, das heißt es ist Weltfrauentag - 1909 wurde er zum ersten Mal von der Frauenorganisation der sozialistischen Partei in den USA initiiert. Seither wird er in unterschiedlichen Teilen der Welt zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich begangen und stellt dabei auch immer ein Barometer für Strömungen und Protestbewegungen in der Gesellschaft dar.

In Deutschland wurde er seit 1926 begangen, dann 1933 verboten. Er entsprach nicht dem Frauenbild, dass durch das Naziregime propagiert wurde, dafür wurde der Muttertag eingeführt. In der Sowjetunion wurde er wieder aufgenommen und ideologisiert gefeiert. Erst in den 60er Jahren kam er auch in der westlichen Welt wieder auf - mit einer neuen Frauenbewegung und in den 90er Jahren erlebte der Weltfrauentag ein neues Revival. Heute wird er als Gelegenheit genutzt, auf die weltweite strukturelle Benachteiligung von Frauen aufmerksam zu machen und dagegen an zu kämpfen.

Seit bald zwei Wochen herrscht Krieg in der Ukraine. Putins Angriffskrieg hat mit einem Mal unser aller Blick auf die europäische Realität auf den Kopf gestellt. Es ist nicht so, wie Frau Baerbock sagte dass wir plötzlich in einer anderen Welt aufgewacht sind, wir sind in einer neuen Wahrnehmung aufgewacht, in einer Realität, die wir glaubten schon lange hinter uns gelassen zu haben. In einer Realität in der es wieder heißt West gegen Ost, einer Realität, in der „der Russe“ kommt und in der Männer im Kampffähigen Alter die Ukraine nicht verlassen dürfen. Sie werden an der Grenze von ihren Familien getrennt und sie wissen nicht, ob sie einander Wiedersehen. Es ist keine neue Welt, es ist die alte, deren Strukturen wir verdrängt haben.

In den vielen Krisen der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass hart erkämpfte Gleichberechtigung mit als erstes unter die Räder kommt, wenn das System unter Druck gerät. Die Gesellschaft verfällt in ihre Komfortzone, die sich über die letzten Jahrhunderte etabliert hat, ein System, in dem Frauen der Kitt der Gesellschaft sind und Männer diejenigen, die sie nach außen erhalten. Das spiegelt auch die Vertretung der Nationen nach außen wieder. Frauen behüten, Männer haben zu kämpfen und stark zu sein.

Dabei sind diverse Perspektiven auf einen Friedensprozess ungeheuer wichtig, um ihn in seiner Gänze mit allen Auswirkungen zu erfassen. Politik kann nicht über die Köpfe derer hinweg passieren, die davon betroffen sind. Migrationspolitik ist ohne die Perspektive migrierter Menschen nichts wert. Antirassismus ohne den Kampf nicht weißer Menschen zum Scheitern verurteilt, Sozialpolitik ohne die Einbindung von von Armut Betroffenen zielt meist daneben, Familienpolitik hilft ohne die Perspektive von Müttern, Vätern und Kindern nicht weiter, der Kampf gegen Antisemitismus kann nicht ohne die Perspektiven von Jüdinnen und Juden geschehen und ein feministischer Kampf passiert nicht ohne Frauen. Ohne Betroffenen Gruppen einzubinden, ist der Kampf vergebene Liebesmüh.

In Kriegs- und Krisengebieten fehlen Frauen und marginalisierten Gruppen oft Mittel und Kenntnisse um sich zu wehren. Sie haben wenig Gelegenheiten, einzugreifen oder die Lage zu entschärfen.

Dabei hat sich in vielen Fällen gezeigt, dass wenn Friedensprozesse Divers belegt sind, die Wahrscheinlichkeit dramatisch steigt, dass der Frieden hält.

Trotzdem findet die Situation beispielsweise von Frauen in nicht mal 2% der Friedensverträge der letzten Jahre Erwähnung, sie unterzeichnen sie nur in 3% der Fällen und sind mit weniger als 10% als Verhandlungsführende in die Verträge eingebunden.

Außenpolitik ist aktuell noch immer „Männersache“, da hat sich trotz verschiedener Initiativen der letzten Jahre wenig verändert, aber für eine effektive Außen- und Sicherheitspolitik braucht es so viele unterschiedliche Menschen wie möglich am Verhandlungstisch. Das sollte das Ziel jeder modernen Außenpolitik sein, wenn sie eine nachhaltige, werteorientierte und sichere Zukunft zum Ziel hat.

Eine bunte Welt aber, braucht bunte Perspektiven und keine menschlichen Pinguine in schwarz weiß.

 

Merle Fischer

Sozialpolitische Sprecherin ; LINKSFRAKTION. Bad Oldesloe