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19. November 2015

Grenzen

Ich stelle mir vor: Wir - meine Frau, unsere beiden Kinder und ich – sind auf der Flucht aus dem Land, in dem wir geboren sind und bislang zu Hause waren, wo wir nicht mehr leben können. Wir werden verfolgt, wir sind unseres Lebens nicht mehr sicher, wir haben Angst. Wir müssen fliehen, wir machen uns schweren Herzens auf den Weg. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, unsere Chancen unsicher, wir geben unser verfügbares Geld Fluchthelfern, die uns eine sichere Überfahrt übers Meer in ein  EU-Land versprechen. Nach einer höchst gefährlichen, lebensbedrohenden Überfahrt in einem überfüllten Boot, bei der wir mehr als einmal zu ertrinken glaubten, landen wir schließlich in einem EU-Land, von freundlichen Helfern dort aufgenommen. Wir sind sehr erleichtert !! Wir schaffen es schließlich, aus dem Aufnahmelager heraus- und weiterzukommen, wir machen uns auf den langen, mühsamen Weg nach Deutschland, in ein Land von dem wir viel gehört haben: zu Fuß. Wir stoßen auf Grenzen: Zäune, Stacheldraht, geschlossene Grenzübergänge. Wir sind entmutigt, verzweifelt, traurig. Wie soll´s, wie kann´s  jetzt überhaupt noch weitergehen ? Wir wandern weiter und wählen die Balkanroute, die noch offen sein soll. Wir müssen diese beschwerliche Route mit unseren Kindern versuchen ! ---

Wir alle kennen solche unmenschlichen Fluchtgeschichten und ihre Fortsetzung. Wir erinnern uns auch an eigene Grenzgeschichten, vielleicht aus unserer jüngeren Vergangenheit, sei es dass wir an Grenzen gelangt sind, sei es dass wir Grenzen überqueren wollten, sei es dass wir am Grenzübertritt gehindert worden sind. Dann wissen wir auch, was es heißt, jemanden auszugrenzen, etwas zu begrenzen, Grenzen zu ziehen und sich gegen andere abzugrenzen. Und in diesem Zusammenhang müssen wir befürchten, dass unsere große Hoffnung auf ein Europa ohne Grenzen, jedenfalls im Schengen-Raum, zu scheitern droht. --

Wir alle, Mitglieder der Zivilgesellschaft, müssen dafür Sorge tragen, dass unsere Solidarität mit den Flüchtlingen und den Ausgegrenzten kräftig und nachhaltig erhalten bleibt.

 

Joachim Land, Die Linke