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9. Mai 2015

Von der Seligkeit des Befreitseins

Heidi Beutin / Wolfgang Beutin „… die Seligkeit des Befreitseins …“.

gibt ein Zeuge seine Empfindung am Tag der Befreiung, dem 8. Mai 1945, wieder.

Und nicht zu vergessen – auch andere Tage der Befreiung gab es für andere Orte.

Für Auschwitz ist es gut ein Vierteljahr früher schon: der 27. Januar.

An diesem Datum befindet sich der italienische Häftling Primo Levi hier wegen einer Scharlachinfektion im „KB“ (Krankenbau). Er verfaßt später eine Übersicht über die letzte Zeit vor der Befreiung. Für den 18. Januar 1945 hält er fest: „Die Deutschen waren nicht mehr da. Die Wachtürme waren leer.“ Am 26. Januar: „Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden.“ In der Nacht zum 27. Januar stirbt der Kamerad Sómogyi. Am Morgen sehen die Lebenden, als sie erwachen, den Leichnam auf dem Fußboden als „Durcheinander verdorrter Glieder“. Daher klingt Levis Notiz über das Eintreffen der Befreier extrem dürr, nicht eine Spur jubilierend: „Die Russen kamen, als Charles und ich Sómogyi ein kurzes Stück wegtrugen. Er war sehr leicht. Wir kippten die Bahre in den grauen Schnee.“1

Der deutsche Widerstandskämpfer und Dichter Günther Weisenborn erlebt die Befreiung nach dreijähriger Haft auf dem Hof des Zuchthauses Luckau (Brandenburg). Von allen Seiten stürzen Gefangene „der Pforte zu“. „Ein riesiger Rotarmist mit Lammfellmütze und Maschinenpistole stand auf dem Hof, schrie und winkte. Der Feind? Der Befreier.“2

Willy Brandt, im schwedischen Exil, erfährt freudig, daß den befreundeten Norwegern der „Endkampf“ erspart bleibe. „Am 9. Mai ist Norwegen frei. Am Tag darauf bin ich unter den ersten, die mit dem Zug nach Oslo fahren können.“3

Für Paris fällt der Tag der Befreiung bereits in den Sommer 1944. Am 25. August beobachtet Jean-Paul Sartre von einem Balkon aus den Vorbeimarsch von de Gaulles Truppen. Zur selben Zeit steht Simone de Beauvoir am Arc de Triomphe, wo de Gaulle zu Fuß eintrifft. Sie spricht von „einer lang ersehnten Freude“. „Aber wie immer das Nachher aussehen mochte, nichts könnte mir diese Augenblicke nehmen, Nichts hat sie mir genommen; sie strahlen aus meiner Vergangenheit mit einem Glanz, der nie verblich.“4

Ein deutscher Emigrant in London, Kurt Hiller, erinnert sich an den 8. Mai 45: „Nein, in uns jauchzte die Seligkeit des Erlebnisses, daß in der Geschichte einmal die Gerechtigkeit es war, die triumphierte; die Seligkeit über den klarten Sinn; und die Seligkeit des Befreitseins.“5

Ein österreichischer Emigrant in Tel Aviv, der sechsundzwanzigjährige Wiener Walter Grab, empfindet ähnlich wie Hiller: „Die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands und der Untergang der Verbrecherbande, die einen zweiten ‚Griff nach der Weltmacht’ und die Vernichtung der Judenheit versucht hatte, erfüllte uns mit unbeschreiblichem Jubel. Am 8. Mai 1945, einem herrlichen Frühlingstag, gingen meine Braut und ich zum Strand, um im Meer zu schwimmen, und wir waren von einem gewaltigen Glücksgefühl durchströmt.“6

Der Maler Emil Schumacher (1912-1999) hat während des Kriegs im Reich in einem Rüstungsbetrieb als technischer Zeichner gearbeitet. Auch er rühmt die Befreiung: „1945 im Mai – das waren die glücklichsten Stunden und Augenblicke und Tage, die ich erlebt habe: wunderschöne Tage, der Krieg war zu Ende, damit war mir ein Stein vom Herzen gefallen … Die Erlebnisse, die wir in den Bombennächten gehabt haben, die Angst auch vor Verfolgung: man war ja immer gefährdet …“7

1 Primo Levi, Ist das ein Mensch? Frankfurt / M. 1961, S. 163 u. 178 f.

2 Günther Weisenborn, Memorial. Frankfurt / M. 1977 (EA 1948), S. 227

3 Willy Brandt, Erinnerungen, Berlin etc. 1997, S. 126

4 Simone de Beauvoir, In den besten Jahren, Reinbek 1969 (frz. EA 1960), S.

5 Kurt Hiller, Leben gegen die Zeit (Logos), Reinbek 1969, S. 354

6 Walter Grab; Meine vier Leben. Gedächtniskünstler – Emigrant – Jakobinerforscher – Demokrat, Köln 1999, S. 101

7 Zit. In: Hermann Glaser, 1945 – Beginn einer Zukunft. Bericht und Dokumentation, 2. Aufl. Frankfurt / M. 2005 (EA 1995), S. 113 (Schreibweise fälschlich: Schuhmacher)

Vorgetragen auf der Veranstaltung "Den Frieden Denken" am 8.Mai 2015 in Bad Oldesloe