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30. Juli 2016

Die Oldesloer Schuhmachergesellen und das Reformationsjubiläum 2017

Alfred Jessen (1845-1912), Pastor in Trittau 1885-1912, arbeitete bis an sein Lebensende an seinem Buch „Geschichte des Kirchspiels und Amtes Trittau“, das dann aus seinem Nachlaß erschien (1914). Er notierte, unsicher sei, ob die „erste Kunde von der gewaltigen Glaubenstat in Wittenberg“ (Luthers Ablaßthesen, 1517, und seine folgenden Schritte) von Hamburg, Lübeck oder Oldesloe nach Stormarn kam. Doch bereits 1524 hielt die „Glaubensfreiheit“ Einzug „in den Herzogtümern“, und Oldesloe war „die erste Stadt in Holstein, in der 1524 oder 1525 evangelisch gepredigt wurde“. „Als der Schulchor keine lutherischen Gesänge anstimmen wollte, sangen statt seiner die Schuhmachergesellen die neuen Lieder …“

Die Bevölkerung Stormarns ist seither mehrheitlich protestantisch geblieben, und so ist es sicher, daß im kommenden Jahr des 500. Jubiläums der Reformation auch in diesem Landkreis gedacht werden wird. Die evangelische Kirche ernannte eine „Botschafterin für das Reformationsjubiläum“, Margot Käßmann, die das Ereignis ein „Reformationsjubiläum in einer Zeit der Säkularisierung“ nennt. „Säkularisierung“ darf mit Dietrich Bonhoeffer verdolmetscht werden: „Die Frage heißt: Christus und die mündig gewordene Welt“. Allerdings hat diese eine problematische Seite: den „Glaubensverlust“, nicht zuletzt in Form der Kirchenaustrittsbewegung. Auch ist die Lektüre von Luthers Schriften nicht jedermanns Sache, und manche davon – gegen Rom, gegen die Bauern, gegen die Juden und Türken – sind kein Ruhmesblatt des Reformators. Des Kerns seiner Lehre sollte man sich jedoch auch hierzulande vergewissern. Es ist die Utopie vom Reich Gottes, die Theologie der Armen samt Gleichheitsforderung („Es ist doch immerfort ein Mensch so wertvoll wie der andere“) und Lob des Friedens („der das größte Gut auf Erden ist und worin auch alle anderen weltlichen Güter inbegriffen sind“). In der von Margot Käßmann entworfenen Konzeption für das Reformationsjahr 2017 heißt es zu Recht, daß die Moderne eine ihrer Wurzeln in Luthers „Freiheitsbegriff“ habe (Schrift: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, 1525). Damit ist Luther einer derjenigen Autoren, die am Anfang der neuzeitlichen Demokratie stehen. Auch das ist 2017 zu lernen.


Heidi Beutin, Abgeordnete der Linken im Kreistag Stormarn