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17. Juni 2013

„Schulischer Erfolg … ist eben doch auch eine Systemfrage!“

Ein Blick auf die Gewinnerin des diesjährigen Schulpreises, die Anne-Frank-Schule in Bargteheide

 

Den deutschen „Schulpreis 2013“ hat die Anne-Frank-Schule in Bargteheide bekommen, eine Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe. Den Preis überreichte die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, deren Partei gerade dem Konzept von Gemeinschaftsschulen skeptisch gegenübersteht und an Elitenbildung und gegliedertem Schulsystem, das eine frühe soziale Auslese garantiert, festhält. Es lohnt sich ein Blick auf das Konzept und das Verständnis dieser Schule, auch um zu schauen, was sich aus dem Erfolg der Schule für ein fortschrittliches Bildungswesen der Zukunft lernen lässt:

Methoden des Selektierens oder des Sitzenbleibens gibt es an der Anne-Frank-Schule nicht. Allein individuelle Ansprache und Ermutigung der Kinder, Erziehung zur Mündigkeit und zur demokratischen Teilhabe zählen. Ihr reformpädagogisches Konzept folgt dem Prinzip der "Heterogenität", des gemeinsamen Lernens und Voneinander-Lernens aller Kinder, egal ob "leistungsschwach" oder "leistungsstark". Mit ihrem Konzept haben sie die Lehre gezogen aus den Erkenntnissen, wie sie in der "Bensberger Erklärung" des reformpädagogischen Schulverbundes „Blick über den Zaun“, dem die Bargteheider Schule angehört, dargelegt sind:

„Immer noch werden Kinder ausgesondert und durch die Folgen struktureller und psychischer Gewalt im Schulalltag gedemütigt und beschämt, wird Potenzial nicht genügend genutzt. Die derzeitigen staatlichen Kontrollmechanismen tragen ihren Teil dazu bei. […]Trotz besserer Erkenntnisse wird die Entwicklung von Kindern zunehmend durch ein verengtes Verwertungsdenken bestimmt.“

Dem arbeitet die Anne-Frank-Schule bewusst entgegen: Die Frage nach der Struktur des gegliederten Schulsystem dürfe nicht mehr tabu sein. Jede Schule müsse Verantwortung für ihre Kinder übernehmen, „ohne mit Selektionsmaßnahmen auf ihre Unterschiedlichkeit zu reagieren“. Ziel sei es, so heißt es in der Erklärung von Hofgeismar von 2006, die sich die Schule zu eigen gemacht hat, „normierende Zensuren“ durch andere, individuelle Formen der Leistungsbewertung zu ergänzen und auf Perspektive zu ersetzen. Diese Erklärung ist auch als Handlungsaufforderung an die Politik zu verstehen: „Nun appellieren wir an die Öffentlichkeit, die bessere Schule mit uns zu erstreiten: gegen die zunehmende Entsolidarisierung unserer Gesellschaft und bildungspolitische Fehlentwicklungen.“

Gegründet worden ist die Anne-Frank-Schule als Gesamtschule im Jahr 1990 und musste von Anfang an sich gegen Widerstände aus Politik und Öffentlichkeit zur Wehr setzen, die vehement das dreigliedrige Schulsystem verteidigten. Zuerst nur in einem Provisorium angesiedelt, ist sie heute weit über die Grenzen ihres Einzugsgebietes bekannt, auf die vorhandenen Plätze bewerben sich doppelt so viele Kinder. Auch deshalb versucht die Schule, ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch an andere Schulen weiterzugeben. Im Schulprogramm werden beispielsweise eine enge Verzahnung mit der Schulsozialarbeit, das Ziel der „Menschenrechts- und Friedenserziehung“, die Bekämpfung von „Armut und Elend“ und die Befähigung zu demokratischem Handeln als Instrumente und Leitbilder genannt.

Den Erfolg dieses emanzipatorischen Konzepts belegt auch der Umstand, dass seit neun Jahren keine Schülerin, kein Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen hat. Die Grundschulprognosen stimmen nur zu 35 Prozent mit den tatsächlich erzielten Abschlüssen überein. 53 Prozent der SchülerInnen machen einen besseren Abschluss als vorhergesagt. Zehn Prozent derjenigen, die die Schule mit der Hochschulreife verlassen, haben sogar nur eine Hauptschulempfehlung bekommen. So hat die Schule im Januar 2013 auf die Frage, warum sie im landesweiten Vergleich so gut abgeschnitten hat, die selbstbewusste Antwort: „Schulischer Erfolg, so belegen die Daten, ist eben doch auch eine Systemfrage!“

Ob sich auch die Bundeskanzlerin mit dem Konzept der Schule auseinandergesetzt hat, der sie den Preis überreicht hat? Wenn ja: Verstanden hat sie es jedenfalls noch nicht – aber Lernen ist ja ein lebenslanger Prozess!