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19. Januar 2022

Kolumne zum internationalen Tag des Gedenkens an die Verfolgten des Holocausts

Am 27.Januar ist der internationale Tag des Gedenkens an die Verfolgten des Holocaust. Es ist der Tag an dem 1945 Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee befreit wurde. Der Tag, an dem sich das ganze Ausmaß der Verbrechen des Nazi-Regimes für die Befreier*innen offenbarte. Es gibt keine Worte, die das Beschreiben können, was in den Konzentrationslagern passierte und trotzdem muss darüber geredet werden.

Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog sagte in seiner Rede zur Einführung des Holocaust-Gedenktages „Wir wollen nicht unser Entsetzen konservieren, wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind.“Doch welche Lehren wurden gezogen?

Heute haben wir eine Bewegung auf der Straße, die sich mit den Verfolgten des Holocausts gleichsetzt, die Davidsterne als Aufnäher trägt, auf denen „Ungeimpft“ steht, die auf ihren Plakaten „Impfen macht frei“ schreibt, zusammen mit Parteiaktivist*innen der NPD marschiert und sich in einer Corona-Diktatur wähnt.

Auch in Bad Oldesloe finden diese „Spaziergänge“ statt, auch hier werden in lokalen Telegramgruppen Wissenschaftler*innen, Bundestagsabgeordnete und Journalist*innen als Parasiten bezeichnet, die es loszuwerden gilt.

Esther Bejarano hat schon 2016 gesagt „Der Satz 'Wehret den Anfängen' ist längst überholt! Wir sind mittendrin!" Das ist heute angesichts rechtsextremer „Einzelfälle“ in sämtlichen staatstragenden Institutionen, in Zeiten, in denen die AfD in den Parlamenten sitzt und in denen täglich in Telegramgruppen öffentlich zur Gewalt gegen Politiker*innen aufgerufen wird, aktueller denn je.

 

Wie also den Anfängen wehren, wenn es schon längst nicht mehr die Anfänge sind, denen es zu wehren gilt? Menschenfeindlichkeit fängt nicht auf diesen Demonstrationen an. Es fängt dort an, wo Vorurteile geteilt werden, wo Ressentiments geschürt werden und wo zweifelhaften Aussagen nicht widersprochen wird. Es braucht ein Problembewusstsein, ein Interesse an der Geschichte, an Politik, an Wissenschaft. Es braucht eine Politisierung der demokratischen Mitte. Es braucht ein Interesse daran, warum Rassismus mehr als verletzend ist, warum Sexismus verwerflich ist, warum das N-Wort keine Option ist, warum Raubkunst zurückgegeben gehört, warum Flüchtende an Europas G­renzen sterben, warum sich jüdische Menschen auch heute in Deutschland nicht sicher fühlen.

Wir können es uns nicht mehr leisten, unpolitisch zu sein. Wann haben Sie zum letzten Mal eine KZ-Gedenkstätte besucht? Wann zuletzt ein Buch zum Thema gelesen, eine Demo besucht, sich auseinander gesetzt mit jemandem anderer Meinung? Wann zuletzt menschenverachtenden Aussagen in sozialen Medien widersprochen? Diese Themen gehen uns alle an, wenn wir den rechtsextremen Tendenzen in unserer Gesellschaft mehr als eine warme Brise entgegensetzen wollen. Antifaschismus ist keine Frage der politischen Haltung, es ist eine Frage des Anstands.

Es reicht nicht mehr, alle paar Jahre ein Kreuzchen zu setzen und sich darauf zu verlassen, dass Gott es richten wird.

In Bad Oldesloe wird der Holocaust-Gedenktag mit dem Aufruf begangen, an den Stolpersteinen Blumen niederzulegen. Außerdem wird es eine Gedenkveranstaltung geben, die am 27.1 um 19Uhr an der Gedenktafel am Bahnhofsvorplatz startet und anschließend in einem Gang des Erinnerns zu den Stolpersteinen führt. Auch hier wird dazu aufgerufen, an den Gedenkorten Blumen niederzulegen.

 

Merle Fischer; Sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion Bad Oldesloe