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15. Februar 2016

Vom „Schwertgläubigen“ zum Friedenskämpfer: Paul von Schoenaich (1866-1954)

Im Jahre 1930 dringt der Hamburger Publizist Wilhelm Stapel in seiner Zeitschrift „Deutsches Volkstum“ darauf, eine „nationale Regierung der Zukunft“ möge nach ihrem Machtantritt gleich vier in der Öffentlichkeit bekannte Personen erschießen lassen: Albert Einstein, Theodor Lessing, Kurt Hiller und den Freiherrn von Schoenaich. Weshalb diese vier, was verband sie? Sie hatten sich als Pazifisten besonders hervorgetan, schreibend oder organisatorisch als Vorsitzende von Friedensvereinigungen. Die Behörden der Weimarer Republik sahen keinen Anlaß, gegen Stapels Äußerung strafrechtlich einzuschreiten. Dem NS-Regime gelang es nur in einem Falle, der Aufforderung zu folgen: Lessing wurde durch einen Auftragsmörder im Exil getötet.

Schoenaich hatte sich in seiner zweiten Lebenshälfte den Haß der Parteien der Rechten, rechter Verbände, rechter Medien und von Offiziersbünden zugezogen – Ursache: als Generalmajor war er ein hochrangiger ehemaliger Offizier der Kaiserzeit, der nach dem Umsturz von 1918 die Republik nach Kräften unterstützte, dazu vor allem die Friedensbewegung. Er selber verglich seinen weltanschaulichen Weg mit dem des Apostels Paulus und betitelte seine Autobiographie (1926): „Mein Damaskus“, konstatierte also seine prinzipielle Umkehr.

Er war am 16. Februar 1866 in Klein-Tromnau (Krs. Rosenberg / Westpreußen) geboren worden. Der volle Name der Familie lautete: Freiherr von Hoverbeck genannt von Schoenaich. Paul von Schoenaich gibt an, sein „halber Namensvetter“ sei der Prinz zu Schoenaich-Carolath, mit Spottnamen „der Rote Prinz“, weil im Reichstag bei den Nationalliberalen. Von den alten Herren des Offizierskorps deshalb auch diskriminiert als „das rote Schwein“. Ein anderer „halber Vetter“ war Emil Prinz zu Schoenaich-Carolath (1852-1908), mit Sitz auf Schloß Haseldorf, seinerzeit ein bekannter Lyriker und Novellist. Paul gestand seinen eigenen Ehrgeiz in einer kleinen Selbstbiographie, die er als zwanzigjähriger Unterleutnant auf der Marineschule in Kiel abfaßte. Er schrieb darin: „Jedenfalls mußte ich ein großer Mann werden. Dies ist mein Leitmotiv geblieben, gleichgültig ob Dichter, Philosoph, Feldherr oder Staatsmann“. Im Vorwort seines Buchs „Mein Damaskus“ nennt er sich ein „lebendes Beispiel der deutschen Entwicklung“, was er zwar „mit all seinen Altersgenossen gemeinsam“ habe. Jedoch: „Was mich von ihnen unterscheidet, ist, daß ich einer der sehr wenigen bin, die sich von ihrem bisher beschrittenen Wege radikal abgewendet haben.“

Der von ihm bisher beschrittene Weg war der militärische gewesen, waren nicht weniger als siebenunddreißig Jahre Militärdienst. Erste Stationen: 1879 Kadettenkorps in Culm (Kulm, Chelmo) – Versetzung nach Lichterfelde (Berlin). Als Pauls Bruder Andreas, wie Paul in militärischer Ausbildung, als Fähnrich dem Wandsbeker Husarenregiment zugeteilt wird, soll dies für beide lebensgeschichtlich „von allergrößter Bedeutung“ werden. Sie kommen in Beziehung zu Hamburg, wo sie ihre Ehegattinnen finden; Paul seine Frau Stephanie Brödermann. Die militärische Laufbahn weiter: zunächst in der Marine. 1883 Ausbildung in Kiel, hiernach: zweijährige Seekadettenreise auf der unmodernen Holzfregatte „Elisabeth“ (Südsee-Inseln, Japan, Kapstadt, Sidney), sodann Kommandierung auf das modernste Panzerschiff „Oldenburg“. Paul entschließt sich, umzusatteln und eine Laufbahn als Kavallerieoffizier anzustreben. 1887 Aufnahme in das 2. Gardedragoner-Regiment, womit er den Kreis betritt, „in dem ich die 20 schönsten Jahre meines Lebens verbringen sollte“. Immerhin. So äußert sich in seiner Selbstbiographie einer, der mittlerweile zum Pazifisten mutiert ist! In seiner Erinnerung zittert der Triumph nach: „Ich glaube sagen zu können, daß wir als Gardekavallerieoffiziere ein Leben führten wie kaum ein anderer Stand auf der ganzen Erde.“ Bei alledem vertieft sich doch sein Verständnis sozialer Fragen, wozu der Eindruck eines naturalistischen Schauspiels beiträgt (der Besuch war Offizieren verboten).

1890: Reitschule Hannover. 1892 nimmt er „an dem großen deutsch-österreichischen Distanzritt Berlin-Wien“ teil, sieht den österreichischen Kaiser Franz Joseph und kommt mit ihm ins Gespräch. Im selben Jahr bezieht er mit seiner Frau in Berlin eine Villa nahe der Dragonerkaserne. Freie Nachmittagsstunden benutzt er, um die Universität zu besuchen. Seine „Lieblingswissenschaft“ wird die Volkswirtschaftslehre, er hört u.a. bei Vertretern der Bodenreformbewegung und bildet sich selber zum „Bodenreformer“ aus. 1902 schreibt er auf Befehl seines Regimentskommandeurs die Geschichte des 2. Gardedragoner-Regiments. Dessen Chef ist die Zarin. Auch der Zar wird in der Regimentsliste geführt. Daher schickt Kaiser Wilhelm Schoenaich zur Überreichung des Buchs nach Petersburg, wo er von dem Zarenpaar sehr freundlich empfangen wird. 1907: als Major Versetzung ins Kriegsministerium. Aufgabenfeld: „alle kavallerietechnischen Fragen und das Militärveterinärwesen“. In der neuen Charge muß er häufig den Kaiser aufsuchen, für dessen Person er sich „vielfach ganz begeistert“. Später wird er zu denen gehören, „die in blindem Optimismus bis fast zum Schluß an einen siegreichen Ausgang des Krieges geglaubt haben“. (Seine Verehrung für Wilhelm II. zerbricht, als dieser nach dem 9. November 1918 ins Exil in die Niederlande übertritt.) Nach fünfjährigem Dienst im Ministerium abkommandiert zu verschiedenen Kavallerieregimentern.

Im Januar 1913 übernimmt er das Husarenregiment 15 in Wandsbek. So kommt er erstmals in engeren Kontakt mit dem Landkreis Stormarn (dessen damalige Kreisstadt Wandsbek ist). Chef ist die Königin Wilhelmina der Niederlande, bei der er sich alsbald im Haag vorstellt. Bei Beginn des Weltkriegs befiehlt ihm das Militärkabinett die Übernahme des Dragonerregiments 14 in Colmar. Nach einem Jahr im Felde, zuletzt an der Ostfront, holt ihn das Ministerium zurück, mit der Funktion des Chefs der Kavallerie-Abteilung. Die Novemberrevolution 1918 ist in seiner Sicht keine, sondern „nur ein sang- und klangloses Abtreten der alten Gewalten“. (Teile jüngerer Forschung argumentieren inzwischen ähnlich, eine Revolution habe nicht stattgefunden, so etwa Fritz Fischer.) Schoenaich verbleibt vorerst noch im Ministerium, wird seit März 1919 an die Spitze mehrerer Kavallerieeinheiten gestellt. Später im selben Jahr erfährt er bei einer Besprechung mit General von Lüttwitz von dessen konterrevolutionären Plänen. Er widersetzt sich. Vier Wochen später veranlaßt Lüttwitz (im kommenden März 1920 Miturheber des Kapp-Putsches) Schoenaichs Entlassung aus der Reichswehr.

Die Berliner Tierärztliche Hochschule ernennt ihn zum Dr. med. vet. ehrenhalber. Er entschließt sich, seine Tätigkeit „auf den landwirtschaftlichen Kleinbetrieb zu verlegen“. In – wie er betont – „schöner Gegend Holsteins“ erwirbt er im Herbst 1919 einen 20 Morgen (5 ha) umfassenden Landsitz in Reinfeld, womit er nach Stormarn zurückkehrt. Um die Arbeit professionell anzugehen, bezieht er die Gärtner-Lehranstalt in Dahlem, „wo ich neben allgemeiner Botanik hauptsächlich Obst- und Gemüseanbau erlernte“. Jetzt hätte eine beruhigte Phase seines Daseins folgen können. Was in Wirklichkeit folgt, wird aber der unruhigste Abschnitt in Schoenaichs Leben werden. Bereits im Dezember 1918 war er der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) beigetreten, einer im November des Jahres gegründeten Vereinigung liberaler Kräfte aus den alten Nationalliberalen und der Fortschrittspartei. Sie entspricht zunächst seiner Vorstellung, „Richtlinie der Wiederaufbau-Politik“ müsse die „demokratische Republik unter Beibehalt der Privatwirtschaft“ sein. Schnell wird er in Ämter gewählt: in den Reichsparteiausschuß, in den Landesvorstand Schleswig-Holstein der DDP, in den Kreistag Stormarn, schnell wird er Vorsitzender des Kreisverbandes Stormarn seiner Partei und der Ortsgruppe Reinfeld. War all dies vielleicht noch hinnehmbar, so in den Augen allzu Vieler nicht mehr seine Hinwendung zum Pazifismus. Im Jahre 1930 faßte er sein politisches Glaubensbekenntnis nach Stichwörtern zusammen: „Pazifismus, Bodenreform, Abrüstung und Sozialpolitik“. Jetzt also an der ersten Stelle Pazifismus. 1922 wurde er Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, 1929 deren Präsident.

Er bekennt 1926, man könne „in Zeiten so gewaltiger Weltumwälzungen sehr wohl etwas als überlebt erkennen, was man bis dahin für notwendig und gut gehalten hat“. Im „alten schwertgläubigen Preußentume“ befangen, war er 1913, dem Jahr der Feiern zum Andenken an die „Befreiungskriege“ (1813), „felsenfest von der Notwendigkeit, Nützlichkeit und Unvermeidlichkeit der Kriege im allgemeinen überzeugt“. Er selber teilte damals noch die konventionelle Einstellung der Politiker und Generäle, „die uns während des Krieges nicht rechtzeitig Frieden machen ließen, weil sie immer noch allein an das Schwert glaubten“. Es geschah im Namen des ‚Vaterlands’. Schoenaich aber konterte nun: „Seit ich aber weiß, wieviel selbstsüchtiger Schwindel sich hinter dem Wort Vaterland versteckt, da spreche ich es mit aller Deutlichkeit aus, daß der, der den Krieg kennt, und dann noch leichtfertig mit dem Gedanken des Krieges spielt, womöglich von Frische, Fröhlichkeit und Ritterlichkeit faselt, ein Verbrecher ist oder ein Narr.“ Seine Tätigkeit für die Friedensbewegung, seine Vorträge, Bücher und zahlreichen Artikel bringen ihm ehrenvolle Einladungen ins Ausland ein. Die dänische Frauen-Friedensgesellschaft lädt ihn zehn Tage nach Dänemark zu Gast. Es folgen Vortragsreisen nach Prag und Wien. Er schließt persönliche Bekanntschaft mit dem französischen Ministerpräsidenten Herriot und dem englischen Premierminister MacDonald. „Immer weiter wurde mein ausländischer Bekanntenkreis und immer klarer die Erkenntnis, daß vollendeter Wahnsinn uns Jahrzehntelang regiert hatte.“

Anders zuhause, wo ihm wegen seines gewandelten politischen Glaubensbekenntnisses mit außerordentlicher Feindseligkeit begegnet wird, vor allem auch von den Offiziersbünden, durch welche „die Hetze gegen mich wegen meiner andersgerichteten politischen Anschauungen … zum System erhoben wurde“. Dies nicht zuletzt wegen seiner Stellungnahmen zu der damals erregt diskutierten Frage nach der Verantwortung des Reiches für die Inszenierung des Weltkriegs – aus genauer Sachkenntnis bejaht er sie – und gegen die ‚Dolchstoßlegende’, dies Kampfmittel der Rechten, die der demokratischen, besonders sozialdemokratischen Linken die Verantwortung für die Niederlage Deutschlands zuzuschieben versuchten. So erklärt sich, daß das NS-Regime, das dem nächsten Weltkrieg zusteuerte, in ihm einen Feind erkannte. Im Frühjahr 1933 ließ es ihn in Haft nehmen, für zehn Wochen. Vor Schlimmerem bewahrte ihn vermutlich sein Generalsrang. Durch die NS-Jahre rettete er sich nicht zuletzt mit der Abfassung seines geheimen Tagebuchs (veröffentlicht 1947, in dem Buch: „Mein Finale“), einer brillanten Kommentierung der Zeitereignisse, eines historischen Zeugnisses von beträchtlichem Wert. Nach 1945 schloß er sich für eine Weile der CDU an, beteiligte sich vor allem auch an der Neubelebung der Deutschen Friedensgesellschaft. Für ihn nicht untypisch: 1951 setzt ihn der DFG-Bundestag in Hamburg als Präsidenten ab, weil er den Aufruf zur Volksbefragung gegen die Remilitarisierung unterzeichnet hatte.

Am 7. Januar 1954 verstarb er in Reinfeld.

Es ist leicht, in seiner literarischen Hinterlassenschaft historische Irrtümer zu entdecken, z.B.: Hitler sei ein „ehrlicher Sozialist“ (1933). Doch war er stets bereit, Fehler in seinen Urteilen zu korrigieren, so hinsichtlich des Vertrags von Versailles, den er anfangs brüsk ablehnte. Später empfahl er, „sich mit dem Vertrag abzufinden und ihn durch rein friedliche Mittel tragbar zu machen“. Insgesamt wird man seinen politischen Schriften gedankliche Tiefe und übrigens stilistischen Glanz nicht absprechen können.

Wie aber steht es um die radikale Abwendung vom bisher beschrittenen Wege, wie viel Anteil daran hatten sein Ehrgeiz, den er sich früh eingestand, oder vielleicht gar ein Opportunismus, der ihn bewogen hätte, vom Schwertgläubigen sich in einen Friedenskämpfer umzuwandeln? Wie so mancher Vergleich, hinkt auch der mit dem Damaskus-Erlebnis des Apostels, obwohl Schoenaich ihn selber beibringt. Der Entschluß mag abrupt gekommen sein, aber bis zu ihm gab es eine mentale Entwicklung, eine Entwicklung zur Humanität. Seine Schriften veranschaulichen diese, und wer will, mag den Vorgang an ihnen studieren. So entstand aus dem kaiserzeitlichen Militär der demokratische Friedenskämpfer, der seinen Übertritt zur Sache des Friedens überzeugend begründete. Als Friedenskämpfer gehört er in eine Reihe mit ähnlich Gesinnten seiner Epoche, wie etwa dem Bremer Historiker Ludwig Quidde und dem Hamburger Publizisten Carl von Ossietzky, die für ihr Wirken den Friedensnobelpreis erhielten.

 

Wolfgang Beutin