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26. Oktober 2021

Bad Oldesloe braucht eine lebendige Erinnerungskultur

Das Gedenken funktioniert in Deutschland leider immer noch hauptsächlich zentral, mit in den großen Städten und den Konzentrationslager-Gedenkstätten als Zentren. In der Schule sprechen wir über die Grausamkeiten, die von den Deutschen ausgingen. Aber wir sprechen darüber so, als wäre das weit weg in einem „fernen Deutschland“ passiert.

Es wird den Menschen oft gar nicht bewusst, dass wir in den Häusern der Täter*innen leben, in den Stuben wohnen, wo Hitler verehrt wurde. Wir laufen durch die Straßen, durch die die Betroffenen der Verfolgung getrieben wurden und flanieren dort, wo Zwangsarbeiter*innen bis zur Besinnungslosigkeit einer Gesellschaft dienen mussten, die an anderer Stelle Dörfer plünderte, Kinder ermordete und einen industriellen Massenmord begang.

Das Wichtige an einer lokalen Gedenkkultur ist, dass sie konkretisieren und uns über den Tellerrand der lokalen Betroffenheit hinaussehen lassen. Sie bieten die Möglichkeit von der eigenen Betroffenheit zu abstrahieren.

Jede Stadt, jede Gemeinde und fast jede Familie hat und hatte eigene Opfer zu beklagen, Menschen aus der Zivilgesellschaft, solche die mutmaßlich keine Schuld im konkreten Sinne auf sich geladen hatten. Das gefährliche bei dieser familiären und lokalen Erinnerung ist jedoch, dass sie sich ausschließlich um ihre eigene Geschichte kümmert und deshalb ein verzerrtes Bild der Realität darstellt.

Jede Familie kümmert sich um ihre eigene Geschichte, jede Gemeinde um die eigenen Opfer, dabei bleiben die Geschichten und das Gedenken derer auf der Strecke, die nicht der eigenen Familie angehören, die in der kollektiven Wahrnehmung nicht zur Stadt gehören. Das bedeutet es werden genau die Menschen vom Gedenken ausgeschlossen, die ermordet, gefoltert und zur Arbeit gezwungen wurden, weil sie nicht in den Dunstkreis des als „eigene“ Opfer empfundenen Kreises gehören.

 

In Bad Oldesloe wurde in diesem Jahr ein Film über den Bombenangriff am 24.4.1945 vorgestellt, bei dem 700 Menschen ums Leben kamen. Der Film ist gut gemacht, informativ und interessant, allerdings wird der Bombenangriff nicht eingeordnet, der Hintergrund des Angriffes nicht aufgearbeitet, der Nationalsozialismus nur oberflächlich behandelt und nur ein einziges Mal beim Namen genannt.

Der Fokus liegt für die Linksfraktion Bad Oldesloe zu stark auf den deutschen Opfern. Es ist vornehmlich die Rede von Zivilist*innen, Ostflüchtlingen und Ausgebombten, die von der Bombardierung getroffen worden seien. Verschwiegen wird derweil, die Tatsache, dass auch die Oldesloer Bürger*innen größtenteils Nationalsozialist*innen oder zumindest Mitläufer*innen waren, die auch den nur wenige Tage später stattfindenden Todesmarsch aus dem KZ Neuengamme durch die Stadt geflissentlich zu ignorieren wussten.

Diese Art des selektiven Gedenkens öffnet die Flanke für eine Täter-Opfer Umkehr, wie sie gerade in rechten Kreisen viel Anklang findet. Das kann nicht im Sinne einer demokratischen Zivilgesellschaft sein.

Es ist daher umso wichtiger darauf zu achten, nicht in eine solche selektive Wahrnehmung zu verfallen und die, die damals unsichtbar waren und gedemütigt, nicht weiter zu ignorieren.

Eine lokale Erinnerung, die nicht selektiv sein will und eine Familienerinnerung, die nicht ignorant sein will, muss deswegen immer auch über ihren Tellerrand gucken und die Verbrechen sehen, von denen ihre Vergangenheit ein Teil ist.

 

Die Linksfraktion Bad Oldesloe tritt daher konsequent für eine kritische und lebendige Erinnerungskultur in Bad Oldesloe und Stormarn ein", sagt Merle Fischer, Sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion.