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27. August 2021

Eine zwanzig Jahre alte Lüge zerbricht

Während ich diese Zeilen schreibe, spielen sich am Flughafen von Kabul immer noch dramatische und grausame Szenen ab. Und damit geht das größte außenpolitische Debakel des Westens seit dem Vietnamkrieg in seinen Schlussakt. Alles was erreicht werden sollte, ist auf lange Sicht gescheitert.

Das was viele Kenner der Region vom ersten Tag an vorhergesehen haben, ist eingetreten. Unmittelbar nach dem Abzug der westlichen Truppen haben die Taliban wieder die Macht übernommen.

Und die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, hatte am Ende null Prozent mit Afghanistan und Menschenrechten zu tun und 100 Prozent mit der US amerikanischer Hybris. Nur wenige europäische Regierungen hatten seiner Zeit den Mut sich nach dem 11. September den sinnlosen Rachegelüsten der USA in den Weg zu stellen. Stattdessen zeigten viele Europäer zu lange Kadavergehorsam.

Infolge dessen wurde die durch viele Grauschattierungen gekennzeichnete afghanische Realität im Sinne der Komplexitätsreduktion lieber eingeteilt in die Guten (Regierung in Kabul) und die Bösen (die Taliban). Wie im Vietnamkrieg und wie in einem schlechten Hollywoodfilm.

Und abschließend haben die USA alles in wenige Warlords und korrupte Politiker gesteckt, die jetzt auf der Flucht sind. Und wenn die NATO jetzt abzieht, dann kann sie auch nicht darauf verweisen, der afghanischen Bevölkerung irgendetwas zurückgelassen zu haben.

Eigentlich hätte da etwas bleiben müssen.

Aber das ist nicht der Fall, auch wenn der Westen zu Recht auf die Millionen Kinder verweist, die zur Schule gehen konnten. Die meisten von ihnen haben aber jetzt keine Perspektive mehr auf Jobs und ein Leben in Sicherheit. Die Rückkehr der Taliban an die Macht ist aber vor allem für die Frauen Afghanistans ein bedrohliches Szenario. Noch nehmen sie am öffentlichen Leben teil, aber sie müssen damit rechnen, dass ihre Freiheiten weiter eingeschränkt werden. Schon jetzt berichten Lehrerinnen, sie stünden auf Todeslisten der Islamisten. Deshalb braucht es jetzt dringend Hilfe!

Mehrere Kommunen und Städte in Bayern haben bereits angeboten, Geflüchtete aus Afghanistan aufzunehmen. Darunter sind München, Erlangen, Fürth, Würzburg, Aschaffenburg, Augsburg, Regensburg und Nürnberg. Aber auch kleinere Städte in Bayern wie Straubing und Weiden gehen hier beispielhaft voran. Dies sollte uns auch in Stormarn ein Zeichen zur Verantwortungsübernahme sein. Denn es muss selbstverständlich sein, dass wir die afghanischen Ortskräfte jetzt nicht alleine zurücklassen, um sie dann Folter und dem Tot zu überlassen.

Das sind alles Menschen, die für die Bundeswehr oder westliche Institutionen gearbeitet haben und momentan in einer gefährlichen Situation leben und ihre Leben sind akut bedroht. Darüber hinaus leben bereits Menschen in Stormarns Kommunen, die von einer Abschiebung in ein Afghanistan bedroht sind, indem sie mit absoluter Sicherheit, niemals sicher wären! Deshalb muss jetzt ein Abschiebestopp nach Afghanistan das Mindeste an Anstand sein, welches die Menschen in Europa nach diesem Debakel zeigen müssen. Sonst wird man auch in Stormarn damit leben, das Menschen die bis jetzt in Bad Oldesloe, Ahrensburg, Bargteheide und anderen Orten Stormarns Zuflucht gefunden haben, von dort direkt nach Afghanistan zu ihrer Exekution oder Versklavung abgeschoben würden.

Dies wäre für einem Kreis Stormarn und ein Europa im 21. Jahrhundert absolut unwürdig und verwerflich!!!

Hendrik Holtz